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Ehrengast Michael Verhoeven

Seine Filme boten dem Verschweigen und Umdeuten der Nazivergangenheit die Stirn. Mutig fasste er kontroverse Themen an und scheute die Auseinandersetzung und den Skandal nicht. Michael Verhoeven ist einer der politischsten und vielseitigsten deutschen Regisseure.

Michael Verhoeven (© Gerhard Kassner)

Ein Mädchen schreibt einen Aufsatz zum Thema „Meine Heimatstadt im Dritten Reich“, beginnt zu recherchieren und seziert die Vergangenheit wie einen Körper. Eigentlich sucht sie nach Widerstandskämpfern gegen das Regime, doch sie findet nur Mittäter und Mitläufer. Das Ergebnis jedoch: Nicht die Schuldigen von damals werden zur Verantwortung gezogen, sondern das Mädchen wird der Illoyalität und des Denunziantentums beschuldigt – und geächtet.

Der Film heißt DAS SCHRECKLICHE MÄDCHEN und brachte Michael Verhoeven 1991 eine Nominierung für den Auslands-Oscar ein. Wenige Jahre zuvor, 1982, hatte der Regisseur bereits mit einem anderen Film über die Naziverbrechen für Furore gesorgt: DIE WEISSE ROSE war die erste große filmische Auseinandersetzung mit dem Widerstand der Geschwister Scholl. Verhoeven hatte große Schwierigkeiten, ausreichend Geld für die Produktion aufzutreiben. Doch seine Entschlossenheit und Unbeirrbarkeit wurden belohnt – mit einem Filmband in Gold und Silber beim Deutschen Filmpreis 1983. DIE WEISSE ROSE hatte damals auch ganz konkrete juristische Konsequenzen: Der Volksgerichtshof der Nazis wurde offiziell zum Terrorinstrument erklärt.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk vor ein paar Jahren sagte Michael Verhoeven einmal, er habe versucht, „versteckte Tumore offenzulegen.“ Daraus sprach auch der ausgebildete Arzt, der über eine spezielle Art von bösartigen Hirntumoren promoviert hat, die sich gewissermaßen hinter Masken verbergen. Das Thema „Drittes Reich“ ließ. ihn nie wirklich los. 2006 noch griff er mit DER UNBEKANNTE SOLDAT die Kontroverse um die so genannte „Wehrmachtsausstellung“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung auf.
 
Michael Verhoeven, 1938 als jüngstes Kind des berühmten Schauspielers, Film- und Theaterregisseurs Paul Verhoeven und der Schauspielerin Doris Kiesow in Berlin geboren, machte schon mit einem seiner ersten Filme von sich reden. Mit O.K., einer wütenden Abrechnung mit dem Vietnam-Krieg, brachte er 1970 den Spielfilmwettbewerb auf der Berlinale zum Abbruch, weil der damalige Jury-Präsident, der US-Amerikaner George Stevens, den Beitrag aus dem Programm streichen wollte. Die gesellschaftliche Konfrontation hat der 78-Jährige zeit seines Lebens nie gescheut – egal ob er in seinen Filmen Transsexualität („Enthüllung einer Ehe“, 2000) thematisierte oder die Liebe eines katholischen Priesters („Eine unheilige Liebe“, 1993).
 
Bereits 1965 – Verhoeven praktizierte zu der Zeit noch als Arzt – gründete er zusammen mit Senta Berger, seiner späteren Frau, die Sentana Film GmbH. Die Produktionsfirma ist bis heute das Fundament seiner Kreativität – und, wenn man so will, Stammsitz einer kleinen Filmdynastie: WILLKOMMEN BEI DEN HARTMANNS, der kürzliche Millionenerfolg von Senta Bergers und Michael Verhoevens gemeinsamen Sohn Simon Verhoeven, entstand in Koproduktion mit Sentana.
 
Michael Verhoeven wird vom 26. bis 29. Januar in Saarbrücken zu Gast sein.

Das Filmfestival Max Ophüls Preis zeigt folgende Filme von ihm: 

DAS SCHRECKLICHE MÄDCHEN

Do 20:00 8 ½

DAS SCHRECKLICHE MÄDCHEN

Regie: Michael Verhoeven
BRD 1989 | 93 Min.

Sonja hat den Aufsatzwettbewerb „Die Freiheit in Europa“ gewonnen und wird dafür gefeiert. Mit dem Aufsatz „Meine Heimatstadt im Dritten Reich“ nun will sie über den Widerstand schreiben, stößt aber bei ihren Recherchen auf unerwartete Hindernisse. Zeugen verweigern die Auskunft, Akten bleiben geschlossen oder verschwinden. Die Honoratioren der Stadt waren keine Helden, sondern Mitläufer. Doch Sonja gibt nicht auf und sorgt für einen bundesweiten Skandal.


DER UNBEKANNTE SOLDAT

Fr 14:30 FH

DER UNBEKANNTE SOLDAT

Regie: Michael Verhoeven
Deutschland 2006 | Dokumentarfilm | 102 Min.

Die sogenannte „Wehrmachtsausstellung“ brach 1995 mit einem gesellschaftlichen Tabu: Sie demontierte den Mythos von der „sauberen Wehrmacht“ und zeigt unter anderem Fotos von Soldaten beim Mord an Zivilpersonen. Dies erregte nicht nur den Zorn bekennender Neonazis, sondern auch konservativer Politiker. Der Film rollt den Rechercheprozess noch einmal auf und spürt den Verbrechen der Wehrmacht in der Ukraine und Weißrussland nach.


DIE WEISSE ROSE

Do 14:30 CS 3

DIE WEISSE ROSE

Regie: Michael Verhoeven
BRD 1982 | 123 Min.

München, 1942: Eine Gruppe von fünf Studenten, unter ihnen die Geschwister Hans und Sophie Scholl, ruft mit Flugblättern zum Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime auf. Während sich die Schlinge der Gestapo immer enger zieht, weitet „Die Weiße Rose“ schrittweise ihren Einfluss aus und knüpft sogar Kontakte zu Dissidenten innerhalb der Wehrmacht. Am 18. Februar 1943 fliegen die Geschwister Scholl an der Münchner Universität auf – und werden wenige Tage später zum Tode verurteilt.


MUTTERS COURAGE

Fr 18:00 CaZ 3

MUTTERS COURAGE

Regie: Michael Verhoeven
Deutschland, Großbritannien, Österreich 1995 | 92 Min.

Die besetzte Stadt Budapest im Jahre 1944. Ein Tag im Leben von George Taboris Mutter Elsa. Auf dem Weg zu ihrer Schwester wird sie von ungarischen Geheimpolizisten verhaftet und zum Westbahnhof gebracht. Dort pfercht man sie mit 4.000 anderen Juden in einen Zug, um sie nach Auschwitz zu deportieren. Ein kleiner Umschlagplatz am Rande der Grenze, das so genannte "Tor des Himmels", wird jedoch zum Schauplatz eines wundersamen Schicksals.