Die Preise des 33. Filmfestivals Max Ophüls Preis
MAX OPHÜLS PREIS
MICHAEL
Regie: Markus Schleinzer
Österreich 2011
Begründung:
MICHAEL eröffnet dem Zuschauer die Täterperspektive eines unglaublichen Verbrechens. Mit nüchterner Forensik zeigt er die Seelenlandschaft des Unbegreiflichen und Verwerflichen. Die mit Perfektion angewandte Kunst der Auslassung, der konzeptionelle Mut des Filmemachers und ein präziser Hauptdarsteller machen diesen klugen Film zu einer vorsichtigen Annäherung an die Abscheulichkeit, die man nicht mehr vergessen wird.
Markus Schleinzer
Geb. 1971 in Wien. Von 1994 bis 2010 realisierte er über 60 Spielfilmprojekte als Casting Director, u.a. für Michael Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN und DAS WEISSE BAND. MICHAEL ist seine erste Regiearbeit.
Filmografie: MICHAEL (2011)
Lobende Erwähnung
MARY & JOHNNY
Regie: Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal
Schweiz 2011
Begründung:
MARY & JOHNNY ist ein schneller, harter und anarchistischer Film dicht am Lebensgefühl einer sinnsuchenden Generation. Virtuos gelingt es den Filmemachern und dem Ensemble klassische Literatur in eine unverwechselbare junge Filmsprache zu übersetzen.
Zweite lobende Erwähnung
DIE UNSICHTBARE
Regie: Christian Schwochow
Deutschland 2011
Begründung:
Durch eine außergewöhnliche Regieleistung und ein grandioses Ensemble reißt DIE UNSICHTBARE den Zuschauer in den emotionalen Strudel des Selbstfindungsprozesses einer jungen Schauspielerin. Der Film lässt uns die Entstehung eines Kunstwerkes im Geflecht von Macht und Abhängigkeit intensiv miterleben.
Die Jury: Anna Thalbach, Hans W. Geißendörfer, Dominic Raacke, Franz Novotny und Johannes Naber
FILMPREIS DER SAARLÄNDISCHEN MINISTERPRÄSIDENTIN
TRANSPAPA
Regie: Sarah Judith Mettke
Deutschland 2012
Begründung:
TRANSPAPA ist ein Film über Liebe, der mit großem handwerklichen Können und feiner Schauspielkunst über Zärtlichkeit, Toleranz und Respekt füreinander erzählt. Er führt uns in die Nähe vieler unserer Sehnsüchte. Er berichtet aber auch mit subtilem Humor über den Mut, gesellschaftliche Normen abzustreifen.
DOKUMENTARFILMPREIS
DER PAPST IST KEIN JEANSBOY
Regie: Sobo Swobodnik
Österreich 2011
Begründung:
Der diesjährige Dokumentarfilm- wettbewerb war voll mit „starken“ gesellschaftlichen Themen, Botschaften und Wertebefragungen. Der Film hingegen, der uns ganz besonders begeistert hat und dem wir den Preis zuerkennen, er nähert sich der Welt vertrackter, poetischer, einfach und kompliziert zugleich. Er erschließt ein kleines Leben für die große Leinwand.
Sein Protagonist ist zwar ein ehemaliger Medienstar, aber an die schnellen Verwertungsketten zwischen Kino und Fernsehen ist er kaum noch vermittelbar. Er selbst bezeichnet sich gerne als „unwürdig“, „wertlos“, als „Elender“. Trotzdem ringt er weiter Tag um Tag um einen durch Krankheit und Armut sich permanent verringernden Handlungsspielraum. Wo sein einstiger Redefluss ins Stocken gerät, schreibt er unbeirrbar gegen das Verstummen und gegen das in Vergessenheit geraten an. An den Wänden seiner Wohnung hängen Plakate von Pier Paolo Pasolini und Thomas Bernhard, Bilder eines exzessiven, an Widersprüchlichkeiten reichen Lebens. Und dennoch: Der Film, den wir ausgewählt haben, er versucht sich nicht in textreichen Befragungen. Wie sein Protagonist vertraut er auf Intuition und Intensität, auf Bilder, Töne, Wahrnehmungen und darauf, dass sich zwischen diesen Bildern und jenseits dieser Töne noch ganz andere Wahrheiten und Erfahrungen auftun. 109 Jahre alt will der Wiener Existenzradikalist, Autor und Überlebenskünstler Hermes Phettberg werden – und selbst wenn ihm das nicht gelingen sollte: Mensch bleibt er bis zum Schluss. Er selbst würde es stammelnd so kommentieren: „Wahrlich, wahrlich!“
Wir freuen uns sehr, dem Filmemacher Sobo Swobodnik diesen Preis für sein berührendes, mutiges, radikales Menschen- und Phettberg-Porträt DER PAPST IST KEIN JEANSBOY überreichen zu dürfen. Es gibt in diesen Tagen viel zu wenige Filme wie diesen. Möge er im Kino ein großes Publikum finden.
Die Jury: Anne Misselwitz, Claus Philipp und Thomas Thümena
FRITZ-RAFF-DREHBUCHPREIS
MIKE
Regie, Buch: Lars Blumers
Frankreich 2011
Begründung:
„Ganz ehrlich, ich habe eigentlich nie richtig verstanden, was erlaubt ist und was nicht.“ Mit dieser Selbsterkenntnis endet nicht nur der Film, sondern auch Mikes tragisch kurzes Leben.
Erfrischend direkt und ohne pädagogischen Zeigefinger entwirft Lars Blumers einen Antihelden und meistert damit die große Herausforderung, eine Hauptfigur in den Mittelpunkt seiner Geschichte zu stellen, die sich ziellos vom Leben treiben lässt. Mit enormer Leichtigkeit, bestechendem Timing und präziser Situationskomik gelingt es ihm, authentisch und unterhaltsam von Mikes Kamikazefahrt durchs Leben zu erzählen. Blumers erfindet ebenso skurrile wie stimmige Figuren, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Damit porträtiert er auch die zunehmende Perspektivlosigkeit einer kleinbürgerlichen Provinzgesellschaft.
Lars Blumers führt uns ins Elsass und liefert en passant einen Beitrag zur deutsch-französischen Völkerverständigung. Die hat offenkundig schon in Form von Blumers Zusammenarbeit mit Grégoire Vigneron und Laurent Tirard stattgefunden: Ergebnis ist der fulminante Wortwitz des Films, und der funktioniert auf beiden Seiten der Grenze.
Die Jury: Gaby Scheld, Stefanie von Heydwolff, Anette Kührmeyer
PUBLIKUMSPREIS
PUPPE, ICKE & DER DICKE
Regie: Felix Stienz
DARSTELLERINNENPREIS
PERI BAUMEISTER
Begründung:
Sie ist eine Entdeckung auf dem Klavier und sie liebt ihren Bruder, und das mehr als gesellschaftlich toleriert wird. Ihre eigene Karriere als Pianistin gibt sie früh auf und die Beziehung zu ihrem Bruder Georg führt in den Abgrund. Peri Baumeister als Grete in Christoph Starks Film TABU – ES IST DIE SEELE EIN FREMDES AUF ERDEN über die Geschwister Trakl zeigt viele Facetten einer verletzlichen Frau auf der Suche nach sich selbst. Sie rührt in ihrer Zerbrechlichkeit an, ihre Sehnsucht ist fühlbar, Leidenschaft und Verzweiflung sind nebeneinander gegenwärtig, weil Peri Baumeister in ihrem Debüt präzise spielt, im richtigen Moment reduziert und ihr Gesicht in stillen Szenen sprechen lässt.
DARSTELLERPREIS
MICHAEL FUITH
Begründung:
Er wirkt nett und ein bisschen unscheinbar. Er ist ein ganz normaler Nachbar. Und er ist ein Monster in Menschengestalt. Aber niemand bemerkt das, denn er ist zuvorkommend und freundlich. Deshalb glauben wir, diesen Nachbarn auch in unserer Nachbarschaft zu kennen. Diese Normalität und Selbstverständlichkeit, mit der Michael Fuith seine Figur in Markus Schleinzers Film MICHAEL versieht, ist das eigentlich Ungeheuerliche seiner darstellerischen Arbeit, die präzise und in ihrer Wirkung bestürzend ist. Michael Fuith verzichtet auf jede übertriebene Geste und gibt seiner Figur damit eine eindrucksvolle und den Zuschauer erschreckende Authentizität.
KURZFILMPREIS
DVA
Regie: Mickey Nedimovic
Deutschland 2011
Begründung:
Unauflösbare Konflikte, aufgelöste Emotionen, eine sichere Auflösung. Am Gipfel vermeintlich absurder Gegensätze treffen Schafe auf Bären, trifft existentieller Überlebenskampf auf Menschlichkeit. Nichts mehr zu verlieren haben und dies als Erkenntnis gewinnen. Viele Steine, Gefühle von hasserfüllter Verachtung bis Achtung voller Respekt, zwei Männer, ein Film, ein Kurzfilm, der seine Figuren, seine Bilder, seine Emotionen und seine Form gefunden hat. Eine Form, die sich erlaubt, die Intensität von Schauspiel in – dem Konflikt wahrhaftig und entsprechende – Kinobilder zu fokussieren.
Lobende Erwähnung
KORPUS
Regie: Flo Baumann
Schweiz 2011
Begründung:
Ein Happy End trotz dem größten Verlust. Davor das Warten auf ein kleines Wort. Eine große Liebesgeschichte. Die Größe loszulassen. Ein Mann duscht seine Frau zu heiß. Die Erkenntnis, nie wieder Antworten zu erhalten. Ein Mordversuch aus Liebe.
Der Regie gelingt es, Abschied als Befreiung zu erzählen, stilsicher Bilder zu finden, Mut zu Menschlichkeit zu erzählen und keine Angst vor Humor zu haben.
Die Jury: Ulrike Folkerts, Peter Payer und Alexander Bickenbach
PREIS FÜR MITTELLANGE FILME (PUBLIKUMSPREIS)
HEILIG ABEND MIT HASE
Regie: Lilli Thalgott
Deutschland 2011
INTERFILMPREIS
DR. KETEL
Regie: Linus de Paoli
Deutschland 2011
Begründung:
Ein ehemaliger Pfleger geht nachts auf die Piste, um als Arzt ohne Zulassung Unterprivilegierte medizinisch zu versorgen. In seiner Passion schreckt er vor Einbruch und Medikamentendiebstahl nicht zurück, heilt und pflegt jedoch da, wo weder Krankenhaus noch Hausarzt je hinkommen.
Die Interfilmjury erkennt in diesem Film einen unkonventionellen und inspirierenden Umgang mit den Themen Heil und Heilung, Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht, ohne dass eindimensionale Lösungen angeboten werden.
DR: KETEL ist ein außergewöhnlicher Film, der im souveränen Mix verschiedener Stile ein ebenso realistisches wie fiktionales Bild der Gesellschaft zeichnet.
Die Jury: Dr. Friedrich Brandi-Hinnrichs, Christine Ris, Wolf-Dieter Scheid und Peter F. Stucki
PREIS DER JUGENDJURY
FESTUNG
Regie: Kirsi Marie Liimatainen
Deutschland 2011
Begründung:
Die 13-jährige Johanna ist zum 1. Mal verliebt. Gleichzeitig zieht ihr gewalttätiger Vater wieder zu Hause ein. Im Film wird deutlich, dass sich die Gewalt bereits auf alle Familienmitglieder übertragen hat: Johanna hat dabei die Hauptverantwortung der Familie zu tragen: Für ihre kleine Schwester, die misshandelte Mutter und nicht zuletzt auch für sich selbst.
Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen gelingt es, in FESTUNG die Balance zwischen Gewalt und einer jungen Liebesgeschichte zu wahren:
Ein berührender Film, der unsere Jury nicht kalt gelassen hat. Er dokumentiert nachhaltig und ehrlich die Schäden, die häusliche Gewalt in der Familie anrichten kann. Die älteste Schwester hat sich bereits von ihrem Vater unversöhnlich abgewendet, die Kleinste wird in der Sprache bereits zur Kopie des Vaters.
Wir waren von der schauspielerischen Leistung von Elisa Essig außerordentlich beeindruckt; sie schafft es, durch ihr ausdrucksstarkes Spiel ohne viele Worte die innere Zerrissenheit und schwere Last von Johanna zu verkörpern.
Die Familie lebt in einer emotionalen Festung, aus der zunächst keine Emotionen nach außen dringen können. FESTUNG zeigt ein heikles Thema in einer Weise, die uns zum Nachdenken gebracht hat.
Am Ende gibt es Hilfe für die Mutter, die Liebe übersteht die Schwierigkeiten, für den kranken Vater bleibt die Zukunft offen.
Die Jury: Benjamin Ehl, Sebastian Klein, Francesca Rivinius, Anna Schiller, Anton Wille und Nicolas Zapp
PUBLIKUMSPREIS FÜR KURZFILME
MÄDCHENABEND
Regie: Timo Becker
Deutschland 2011
FÖRDERPREIS DER DEFA-STIFTUNG
DAS DING AM DEICH – VOM WIDERSTAND GEGEN EIN ATOMKRAFTWERK
Regie: Antje Hubert
Deutschland 2012
Begründung:
Die Dokumentation erzählt von den Gegnern des Atomkraftwerkes Brokdorf in der Wilstermarsch in Schleswig-Holstein und ihrem Alltag zwischen Aufbegehren und Resignation. Der Film verfolgt das Leben der Marschbewohner mit ihren Erfolgen und Niederlagen vom Baubeginn des AKW 1976 über die Inbetriebnahme 1986 bis zur Katastrophe von Fukushima und dem folgenden Atomausstieg.
Antje Hubert dokumentiert konsequent die Geschichte einer Bewegung gegen die Atomtechnologie, die sich zum allgemeinen politischen Protest in der Bundesrepublik ausbreitete. Die Regisseurin begleitet die engagierten, liebenswerten Protagonisten in ihren Erinnerungen und aktuellen Protestaktionen. Damit zeichnet sie sensibel und hoch emotional ein Stück Lebensweg, der durch den beharrlichen Kampf um Demokratie und Mitbestimmung geprägt ist. Die kontinuierliche Dokumentation über diesen langen Zeitraum sowie die Fülle an Archivmaterial und Zeitzeugengesprächen machen den Film zu einem in dieser Art einmaligem Zeitzeugendokument der jüngeren deutschen Geschichte.
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